Die EU verschärft mit dem Digital Markets Act den Druck auf Big Tech, und Begriffe wie „digitale Souveränität“ sind längst keine Nischenthemen mehr. Spätestens seit den Diskussionen um Datenschutz, KI Regulierung und die Abhängigkeit von US Clouds wissen wir: Wer seine Daten und Systeme nicht kontrolliert, gibt auch ein Stück Handlungsfähigkeit ab. Für kleine und mittlere Unternehmen sowie NGOs bedeutet das konkret: Ihr seid verwundbar bei Preisänderungen, Datenzugriffen und plötzlichen Policy Shifts von Konzernen, auf die ihr keinen Einfluss habt.
Die gute Nachricht: Digitale Souveränität ist kein Luxusprojekt für Großkonzerne. Mit den richtigen Schritten könnt ihr eure Organisation unabhängiger, datenschutzkonformer und oft auch kostengünstiger aufstellen. Es geht nicht darum, morgen alle Systeme umzukrempeln, sondern strategisch die Kontrolle zurückzugewinnen, Schritt für Schritt.
Das strategische Fundament: Warum Souveränität mehr ist als „Open Source gut, USA schlecht“
Digitale Souveränität bedeutet, dass du selbst entscheidest, wo deine Daten liegen, wer Zugriff hat und unter welchen rechtlichen Rahmenbedingungen du arbeitest. Es geht um Kontrolle über eure Infrastruktur, Transparenz bei Algorithmen und die Freiheit, Anbieter zu wechseln, ohne in Abhängigkeiten gefangen zu bleiben. Proprietäre US Systeme wie AWS, Google Workspace oder Microsoft 365 sind technisch ausgereift und komfortabel, aber sie binden euch langfristig an Preismodelle, Datenverarbeitungsverträge und rechtliche Grauzonen (Stichwort Cloud Act).
Der strategische Ansatz sieht so aus: Identifiziert zunächst eure kritischsten Systeme, also jene, die sensible Daten verarbeiten, geschäftskritisch sind oder hohe laufende Kosten verursachen. Dann prüft ihr, welche europäischen oder Open-Source-Alternativen existieren und wie eine Migration realistisch umsetzbar ist. Wichtig: Digitale Souveränität ist kein Endzustand, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Ihr müsst nicht alles auf einmal ändern, sondern könnt gezielt Bereiche angehen, die den größten Impact haben.

Cloud-Infrastruktur: Raus aus der AWS/Google-Abhängigkeit
Die meisten KMU und NGOs nutzen AWS, Google Cloud oder Microsoft Azure für Hosting, Backups und Datenverarbeitung. Diese Systeme sind mächtig, aber intransparent: Ihr wisst nie genau, wo eure Daten physisch liegen, wer im Notfall darauf zugreifen kann und wie sich Preise künftig entwickeln. Zudem unterliegen US Anbieter dem Cloud Act, der US Behörden Zugriff auf eure Daten ermöglicht, auch wenn Server in Europa stehen.
Was du konkret ersetzen kannst:
Statt AWS S3 für Speicher und EC2 für Server kannst du auf europäische Cloud-Anbieter wie Hetzner Cloud (Deutschland), OVHcloud (Frankreich) oder Exoscale (Schweiz) setzen. Diese bieten vergleichbare Services zu oft niedrigeren Kosten und unterliegen EU Recht. Für Datenspeicherung und Kollaboration ersetzt Nextcloud (selbst gehostet oder bei deutschen Anbietern wie Hetzner/IONOS) Google Drive und Dropbox. Nextcloud bietet Cloud Speicher, Kalender, Kontakte und sogar Office Tools in einem, und die Daten bleiben auf euren Servern.
Was das konkret bringt:
Ihr senkt Kosten (Hetzner Cloud kostet oft 30 bis 50% weniger als AWS für vergleichbare Leistung), erhöht Rechtssicherheit (DSGVO Konformität ohne komplizierte Data Processing Agreements) und gewinnt Kontrolle (Backup Strategien, Verschlüsselung und Zugriffe definiert ihr selbst). Die Migration ist überschaubar: Ein Server bei Hetzner ist in 30 Minuten aufgesetzt, Nextcloud in 1 bis 2 Stunden installiert. Für NGOs ohne IT Team gibt es Managed Hosting Angebote, die den technischen Aufwand minimieren.
Mini-Anleitung:
- Analysiert eure aktuellen Cloud Kosten bei AWS/Google (oft versteckt in verschiedenen Services).
- Testet Hetzner Cloud oder OVHcloud mit einem kleinen Projekt (z.B. Test Website oder Backup Server).
- Migriert schrittweise: Erst unkritische Systeme, dann Datenbanken und Storage.
- Richtet Nextcloud ein (entweder selbst via Docker oder als Managed Service) und migriert Dateien aus Google Drive/Dropbox.
- Schult euer Team in der Nutzung, Nextcloud ist intuitiv, aber gewöhnungsbedürftig für Umsteiger:innen.

Kommunikation: Slack, Teams und Discord durch souveräne Alternativen ersetzen
Slack und Microsoft Teams dominieren die interne Kommunikation in Unternehmen und NGOs, während Discord vor allem für Community Building und informelle Zusammenarbeit genutzt wird. Sie sind praktisch, aber auch Datenstaubsauger: Jede Nachricht, jedes geteilte Dokument läuft über US-Server, und ihr habt keine Kontrolle darüber, wie diese Daten analysiert, archiviert oder im Zweifelsfall weitergegeben werden. Zudem sind die Kosten hoch: Slack Pro kostet pro User:in etwa 7 bis 8 Euro pro Monat, Teams ist in Microsoft 365 gebündelt (ab 10 Euro pro User:in und Monat), Discord Nitro liegt bei etwa 10 Euro monatlich.
Was du konkret ersetzen kannst:
Mattermost und Rocket.Chat sind Open-Source-Alternativen zu Slack, die ihr selbst hosten könnt. Sie bieten Channels, Direktnachrichten, Dateifreigabe und Integrationen mit anderen Tools. Für maximale Dezentralisierung ist Element (basierend auf dem Matrix-Protokoll) die spannendste Option: Es ermöglicht nicht nur interne Kommunikation, sondern auch verschlüsselte Chats mit externen Partner:innen, ohne dass beide dieselbe Plattform nutzen müssen. Für Discord Ersatz eignet sich Revolt oder ebenfalls Element/Matrix mit Voice-Channels. Revolt bietet eine nahezu identische Oberfläche zu Discord und ist komplett selbst hostbar, ideal für Communities und NGOs, die öffentlich kommunizieren.
Was das konkret bringt:
Ihr spart Lizenzkosten (Mattermost, Rocket.Chat, Element und Revolt sind kostenlos, nur Hosting kostet), erhöht Datenschutz (Ende zu Ende Verschlüsselung bei Element Standard) und vermeidet Vendor Lock-in (Export und Wechsel jederzeit möglich). Besonders für NGOs, die mit sensiblen Themen arbeiten (Menschenrechte, Whistleblower, politischer Aktivismus), ist die Kontrolle über Kommunikationsdaten essenziell. Bei Discord Ersatz durch Revolt kommt hinzu: Keine versteckten Datenanalysen eurer Community Aktivitäten, keine plötzlichen Policy Änderungen und volle Kontrolle über Moderation und Inhalte.
Mini-Anleitung:
- Entscheidet euch für Mattermost (am ähnlichsten zu Slack), Element (maximale Verschlüsselung) oder Revolt (Discord Alternative).
- Hostet Mattermost oder Revolt auf einem Hetzner Server (Installations-Guide dauert ca. 1 bis 2 Stunden) oder nutzt Managed-Hosting (z.B. Cloudron).
- Importiert bestehende Slack Daten via Export-Tool (Channels, Nachrichten, nicht bei allen Plänen möglich, plant rechtzeitig).
- Migriert schrittweise: Startet mit einem Team oder Projekt, nicht gleich mit der ganzen Organisation.
- Schult Mitarbeiter:innen, die Umstellung dauert 1 bis 2 Wochen, dann läuft es rund.

KI-Tools: Unabhängigkeit von OpenAI und Google AI
KI ist das Hype Thema, aber die meisten Lösungen (ChatGPT, Google Gemini, Copilot) laufen über US Infrastrukturen und trainieren mit euren Daten. Für Unternehmen und NGOs, die sensible Informationen verarbeiten (Kundendaten, strategische Dokumente, interne Analysen), ist das ein Risiko. Zudem seid ihr abhängig von API Preisen und Verfügbarkeit dieser Services.
Was du konkret ersetzen kannst:
Europäische KI Anbieter wie Aleph Alpha (Deutschland) bieten souveräne Large Language Models, die auf europäischen Servern laufen und DSGVO konform sind. Für kleinere Budgets sind Open-Weights-Modelle wie Llama 3, Mistral oder Qwen interessant, die ihr selbst hosten könnt. Tools wie Ollama oder LM Studio machen es einfach, diese Modelle lokal auf eurem Server oder sogar Laptop zu betreiben, ohne dass Daten jemals an Dritte gehen.
Was das konkret bringt:
Ihr behaltet die Kontrolle über sensible Daten (nichts verlässt euren Server), spart langfristig Kosten (keine API Gebühren für Millionen Tokens) und könnt Modelle auf eure spezifischen Bedürfnisse anpassen (Fine Tuning mit eigenen Daten). Für NGOs, die z.B. Spenderdaten analysieren oder vertrauliche Berichte erstellen, ist das ein Gamechanger.
Mini-Anleitung:
- Testet Aleph Alpha (sie bieten Test Accounts für KMU/NGOs) für erste Projekte wie automatisierte Texterstellung oder Datenanalyse.
- Für Budget Optionen: Installiert Ollama auf einem Server und ladet Modelle wie Llama 3 oder Mistral herunter (dauert 15 Minuten). Nutze bei einem 16 GB Rechner Modelle um die 3-5b, ab 32 GB auch 13 – 30b . Empfehlung für die Use Cases: Ministral 3 14b Instruct
- Integriert diese Modelle in eure bestehenden Workflows (z.B. via API Calls in eurer Software oder als Chatbot auf der Website).
- Experimentiert mit Use Cases: Kundenanfragen beantworten, Dokumente zusammenfassen, Datenanalysen automatisieren. Marketing Reportings automatisieren.
- Plant einen Experten hinzu, wenn ihr in Richtung Fine Tuning oder komplexere Automatisierungen geht, hier wird es technisch.
- Über Open WebUI lässt sich ein KI Server mit Ollama leicht bedienen und per API mit anderen Tools verknüpfen. Das Team kann via Cloudflare Tunnel von überall aus darauf zugreifen. Es gibt sogar eine Smartphone App.

Office-Tools: Goodbye Microsoft 365, Hello Open Source
Microsoft 365 (Word, Excel, PowerPoint, Outlook) ist der Standard in fast jedem Büro. Die Suite ist mächtig, aber teuer (ab 10 Euro pro User:in und Monat) und bindet euch an die Microsoft Cloud. Zudem gilt: Alle Dokumente, die in OneDrive gespeichert werden, liegen auf US Servern mit allen rechtlichen Unsicherheiten.
Was du konkret ersetzen kannst:
Collabora Online oder Onlyoffice sind Open-Source-Office-Suiten, die direkt in Nextcloud integriert werden können. Sie bieten Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationen und sind kompatibel mit Microsoft Formaten (ihr könnt .docx, .xlsx und .pptx weiterhin nutzen). Für E-Mail ersetzt Mailcow (selbst gehostet) oder Posteo/Mailbox.org (deutsche Anbieter) die Abhängigkeit von Outlook/Gmail.
Was das konkret bringt:
Ihr spart Lizenzkosten (Collabora/Onlyoffice kostenlos, nur Hosting kostet), arbeitet DSGVO konform (Daten bleiben in der EU) und habt volle Kontrolle über Versionierung und Zugriffe. Die Umstellung ist für viele Teams die größte Hürde, aber mit ein wenig Geduld und Schulung funktioniert es gut.
Mini-Anleitung:
- Richtet Nextcloud ein (siehe Cloud Infrastruktur). Am einfachsten: Nextcloud mit office in Nextcloud Allinone.
- Installiert Collabora Online oder Onlyoffice als Nextcloud App (dauert 10 bis 20 Minuten).
- Migriert bestehende Dokumente aus OneDrive/Google Drive zu Nextcloud (Drag & Drop oder Sync Tools).
- Testet die Office Tools mit eurem Team, die Kompatibilität ist gut, aber nicht perfekt (komplexe Excel Makros können Probleme machen).
- Für E-Mail: Wechselt zu Posteo/Mailbox.org (5 bis 10 Euro pro Monat pro Postfach) oder hostet Mailcow selbst (für IT affine Teams).
Eigene Infrakstruktur on premise
LLMs benötigen extrem viel Speicher und vServer mit den entsprechenden Ausrüstungen kosten schnell ein paar Hundert Euro im Monat. Denkbar ist auch ein eigener Mini Server im Büro, das erfordert aber unter Umständen mehr Stress bei der Einrichtung, weniger Backup-Sicherheit und natürlich ein erhöhtes Ausfallriskio.
Wenn es um Llms geht, dann unbedingt einen Rechner mit mindestens 64 GB (besser 128, am besten mit GPU und VRAM) sowie zumindest zwei phsyischen Festplatten für eine gewisse Sicherheit. Dieser kann neben Ollama auch zum Hosting von Webdiensten wie Nextcloud und Chat Tools, die vergleichsweise wenig Ressourcen benötigen, verwendet werden.
Souveränität ist machbar
Digitale Souveränität klingt nach Großprojekt, aber für KMU und NGOs ist sie mit überschaubarem Aufwand umsetzbar. Startet mit den Bereichen, die euch am meisten Bauchschmerzen bereiten, oft ist das die Cloud oder Kommunikation.
Die Tools existieren, die Kosten sind überschaubar, und der Gewinn an Kontrolle, Datenschutz und Unabhängigkeit ist enorm. Ihr müsst nicht alles selbst machen: Holt euch Expert:innen dazu, die euch bei der Migration und Implementierung unterstützen. Der erste Schritt ist der wichtigste: Analysiert eure aktuelle Abhängigkeit und entscheidet, wo ihr anfangen wollt.

